Die Abschrift für Professor Anthon

Von einigen der Schriftzeichen des „Reformierten Ägyptisch" machte Joseph Smith 1828 nun eine Kopie und schickte Martin Harris nach New York zu Professor Charles Anthon. In der History of the Church lesen wir dazu:

„ Ich ging nach New York und zeigte die Schriftzeichen, die übersetzt wurden, samt der Übersetzung Professor Charles Anthon.... Professor Anthon sagte, dass die Übersetzung korrekt sei, korrekter als alles, was er sonst aus dem Ägyptischen übersetzt gesehen hätte. Ich zeigte ihm dann jene Schriftzeichen, die noch nicht übersetzt worden waren und er erwähnte, dass diese ägyptisch, kaldäisch, assyrisch und arabisch seien. Er gab mir ein Zertifikat, welches den Leuten in Palmyra bestätigte, dass dies richtige Schriftzeichen seien und dass die Übersetzung dazu auch richtig sei. Ich nahm das Zertifikat... und war gerade dabei zu gehen, als er mich zurückrief und mich fragte, wie der junge Mann herausfand, wo die goldenen Platten waren und ich sagte ihm, dass ihm dies ein Engel Gottes offenbart hätte. Er sagte daraufhin zu mir, 'Lassen Sie mich das Zertifikat sehen'. Ich nahm es aus meiner Tasche und reichte es ihm. Er nahm es und riss es in Stücke und sagte dabei, dass es so etwas wie den Dienst von Engeln nicht gäbe und wenn ich die Platten zu ihm brächte, er sie übersetzen würde. Ich informierte ihn darüber, dass ein Teil der Platten versiegelt sei und ich keine Erlaubnis hätte, die Platten zu bringen. Er antwortete, 'Ich kann kein versiegeltes Buch lesen'.... " 1

Dieser Bericht von Martin Harris, wird als direkte Erfüllung einer Prophezeiung, sowohl aus dem Buch Mormon, als auch aus dem Buch Jesaja, angesehen:

„ Wie wenn aus der Erde ein Totengeist spricht, so tönt deine Stimme; deine Worte sind nur noch ein Geflüster im Staub....
So wurde für euch jede Offenbarung wie die Worte in einem versiegelten Buch: Wenn man es einem Menschen gibt, der lesen kann und ihm dazu sagt: Lies mir vor!, dann antwortet er: Ich kann es nicht lesen, denn es ist versiegelt..... "
2

Im 2 Nephi 26 und 27 wird nun dieser Jesajatext scheinbar ausgelegt und soll in dem, was zwischen Martin Harris und Charles Anthon abgelaufen ist, erfüllt werden. Allein der Gesamtkontext, aus dem der Jesajatext stammt, zeigt einen komplett unterschiedlichen Inhalt und Sinn. In diesem Kapitel geht es um die Belagerung und Befreiung der Stadt Jerusalem und es fällt sehr schwer, einen prophetischen Dualismus in Richtung der Aussagen des Buches Mormon zu finden. Wie an anderen „sehr offensichtlichen" Stellen des Buches Mormon auch, drängt sich der Gedanke von gezielt implementierten und eigeninterpretierten Prophezeiungen auf. So auch die Erwähnung der drei Zeugen und die direkten Hinweise auf Joseph Smith. Der Weg von Jesaja, über das Buch Mormon zu Professor Anthon erscheint hier mehr als weit hergeholt.

Die Frage drängt sich nun auf, ob Professor Anthon eine solche Aussage bezüglich der Schriftzeichen überhaupt machen konnte. Bis heute ist das „Reformierte Ägyptisch" als Sprache nicht bekannt und im Jahre 1828 steckten die Kenntnisse über Ägyptisch noch in den Kinderschuhen. Wie konnte Professor Anthon also eine solche Aussage machen?

Von Seiten mancher Kirchenschreiber wird behauptet, so z.B. in Seine Kirche wiederhergestellt, dass Professor Anthon deshalb vorgab, die Zeichen deuten zu können, weil er sein Gesicht nicht verlieren wollte oder versuchte, in den Besitz der Platten zu gelangen. 3 Oder laut Sidney B. Sperry:

„ Es kann sein, dass Professor Anthon nicht richtig zitiert wurde. Wir müssen auch im Gedächtnis behalten, dass Martin Harris kein Sprachwissenschaftler war und dass er in seinem Bericht an Joseph Smith ungewollt einige Aussagen von Prof. Anthon, bezüglich der Übersetzung, falsch dargestellt hat. " 4

Der Mormonengelehrte Stanley B. Kimball schrieb folgendes dazu:

„ Es ist sicherlich durchaus möglich, das sie [ Michell und Anthon ] gar nichts zur Übersetzung gesagt haben und nur erwähnten, dass die Abschrift korrekt sei. Denn weder Anthon noch Michell ( noch sonst jemand in der Welt in dieser Sache ) hätte 1828 viel Übersetzungen aus dem Ägyptischen sehen können. Es ist nicht schwer zu verstehen, wie ein Mann mit dem Hintergrund wie Harris, 'Abschrift' und 'Übersetzung' verwechseln konnte. Vielleicht war Harris so von der Idee getrieben, eine Prophezeiung aus den Schriften zu erfüllen, dass er nur hörte, was er hören wollte. " 5

Es sei hier also festgestellt, dass man auch innerhalb der Kirche nicht davon ausgeht, dass Professor Anthon eine Echtheit der Schriftzeichen bescheinigen konnte. Wichtiger aber noch als dies ist die Aussage von Anthon selbst zu diesem Gespräch, die, laut eines Briefes vom 17. Februar 1834, eine völlig andere Aussage, als der Bericht von Martin Harris beinhaltet:

„ Die ganze Geschichte, die davon handelt, dass ich gesagt hätte die Buch Mormon Schriftzeichen seien reformiertes Ägyptisch, ist völlig falsch. Vor einigen Jahren kam ein einfacher Farmer mit einer Notiz von Dr. Mitchell zu mir, der nun verstorben ist, und bat mich, wenn möglich, das Papier, welches der Farmer mir übergeben würde, zu entziffern. Nach der Untersuchung des besagten Papiers kam ich bald zu der Schlussfolgerung, dass es sich hier um einen Trick oder vielleicht sogar um eine Täuschung handelt... Nachdem ich die seltsame Geschichte darüber [ das Hervorkommen des Buches ] gehört hatte, änderte ich meine Meinung bezüglich des Papiers und anstatt es als Täuschung anzusehen, sah ich es als Teil eines Planes an, den Farmer um sein Geld zu bringen. Ich teilte ihm meinen Verdacht mit und sagte ihm, er solle sich vor Schurken in Acht nehmen... Seit die Aufregung um den Mormonismus begonnen hat, habe ich häufig mit Freunden über dieses Thema gesprochen und ich erinnere mich sehr gut daran, dass das Papier alles aber nur keine ägyptischen Zeichen enthielt. " 6

In dem Brief, der hier nur auszugsweise wiedergegeben wurde, wird eindeutig ersichtlich, dass Anthon in keinster Weise die Echtheit der Zeichen bestätigte. Im Gegenteil, für ihn war Harris einem Betrüger aufgesessen, der ihn um sein Geld bringen wollte. Harris erwähnte laut des Briefes, dass er gebeten wurde, eine bestimmte Summe Geld für die Veröffentlichung des Buches zu geben und er daher seine Farm verkaufen wolle. Anthon warnte Harris in Bezug auf sein Vorhaben.

Hier ein Bild mit Schriftzeichen des „Reformierten Ägyptisch" , wie sie Professor Anthon präsentiert wurden.


Bei diesem Papier handelt es sich um ein Dokument, dass einst von David Whitmer besessen wurde und heute im Besitz der RLDS-Kirche ist. Obwohl diese Abschrift von Seiten einiger Kirchenhistoriker, als das Originaldokument angesehen wird 7 und dies auch mit der Aussage von David Whitmer übereinstimmen würde, so ist dies doch ungewiss, da Professor Anthon das Papier anders beschrieben hat. Anthons Beschreibung spricht von vertikalen Linien anstatt von horizontalen. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sich auf dem Papier Originalzeichen des Buches Mormon befinden, da im Jahre 1844 ein Teil der abgebildeten Symbole in der Mormonenzeitung The Prophet abgebildet wurden.

Die Interpretation und Bestimmung der Schriftzeichen auf dem Dokument sind innerhalb und außerhalb der Kirche umstritten. Drei Ägyptologen haben die Schriftzeichen untersucht. Einer meinte, die Zeichen ähnelten dem Demotischen, ein anderer sagte, sie sähen wie abgekürztes Hieratisch aus und ein dritter bezeichnete sie als „Gekritzel"8.

In den Brigham Young University Studies sagt der Mormonengelehrte Dr. Kimball, dass die Änlichkeit bestimmter Zeichen auf dem Papier mit dem Ägyptischen, weder die „Authentizität der Abschrift", noch deren „ägyptische Herkunft" beweisen könne und dass „durch die Vielzahl von demotischen und hieratischen Schreibsystemen überall eine Verwandschaft zum Ägyptischen gefunden werden könnte." 9

Viele andere Mormonengelehrte halten jedoch daran fest, dass die Schriftzeichen vom Ägyptischen stammen und somit ein Beweis für deren Echtheit sind. Es sei hier jedoch auch erwähnt, dass zu Zeiten Joseph Smiths eine Vielzahl von Büchern bereits publiziert wurden, die Abbildungen von ägyptischen Hieroglyphen enthielten und somit davon ausgegangen werden kann, dass Joseph Smith einige Zeichen daraus entnommen hat.

Smith hätte zu seiner Zeit etliche Quellen für seine "Komposition" nutzen können:
1. Astrologische Dokumente der Zeit
2. Ägyptische Dokumente, die bereits zu Smiths Zeiten großes Interesse weckten
3. Der bereits bekannte mexikanische Kalenderstein

Diese drei Quellen bieten Möglichkeit genug, die Schriftzeichen der Anthonabschrift "zusammenzubasteln" (siehe The "Anthon Affair").

Bereits 1908 wurde die Anthonabschrift von dem ehemaligen BYU-Lehrer Charles A. Shook an das Smithsonian Institut geschickt. Aus der Archäologieabteilung kam dazu folgende Aussage:

„ Sehr geehrter Herr, Ihr Brief vom 28. Januar 1908, wurde an Dr.I.M. Casanowicz weitergeleitet... der sagt, dass die besagten Schriftzeichen weder ägyptisch, kaldäisch, assyrisch oder arabisch sind und dass diese auf keinem amerikanischen Bauwerk oder Manuskript gefunden wurden. " 10

Gewiss, diese Aussage ist schon ein paar Jahre alt aber Charles Shook, der die Authentizität des Dokuments anzweifelte, kam zum Schluss, dass viele der Schriftzeichen nichts anderes als „deformiertes Englisch" seien. Und in der Tat, wenn man das Dokument näher betrachtet, so fallen einige Duzend Zeichen auf, die unserer Sprachform sehr ähnlich sind und oft nur in einer anderen Lage dargestellt sind. So z.B. die Zahlen 2, 3, 4, 5, 206, usw. oder die Zeichen +, -, ? und Buchstaben wie, A, B, C, D, t usw. Für Shook war das Dokument eine Täuschung.

Der Widerstreit, vor allem innerhalb der Kirche, hält an und vielleicht sind es Dr. Kimballs Worte, die die Problematik am besten beschreiben:

„ Als Schlussfolgerung bleibt mir nur zu sagen, dass die Untersuchungen an der Anthonabschrift bis heute wenig erreicht haben, außer, die Probleme aufzuzeigen, die damit verbunden sind. " 11

Was auch immer die Zeichen auf der Abschrift darstellen sollen, eine große Hilfe sind sie nicht, denn bislang gibt es niemanden, außer dem Propheten Joseph Smith, der in der Lage gewesen ist, eine Übersetzung davon anzufertigen. Und weiter, bis heute gibt es keinen weiteren Nachweis dafür, dass es eine Sprache, wie das (oder ein) „Reformierte Ägyptisch" in der Neuen Welt jemals gegeben hat und keine dieser Schriftzeichen sind dort je gefunden worden, womit sich das nächste Problem zeigt. Dazu sollte man einen Blick in die bekannten Sprachsysteme der Neuen Welt werfen.

Ein sehr interessanter Artikel zum Thema wurde von Jerome J. Knuijt verfasst: The "Anthon Affair"


Fußnoten

1 History of the Church, Band 1, S.20

2 Jesaja 29:4,11

3 William Edwin Barret, Seine Kirche wiederhergestellt, S.30. Siehe auch, Book of Mormon Institut, BYU, 1959 S.10.

4 Sidney B. Sperry, The Problem of the Book of Mormon, 1964, S.55-56, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality, von Jerald und Sandra Tanner, S. 104

5 Stanley B. Kimball, Brigham Young University Studies, Frühling 1970, S.335

6 Brief von Professor Anthon, zitiert in B.H. Roberts, A Comprehensive History of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, Band 1, S.103

In diesem Buch werden zwei Versionen des Briefes wiedergegeben. In einem Brief verweigerte Anthon, eine Erklärung zu den Schriftzeichen zu geben, in der anderen gab er eine Erklärung, die „dem Mann hinter dem Vorhang" zeigen sollte, dass seine Täuschung entdeckt wurde. Beide Versionen geben jedoch klar zu verstehen, dass Anthon die Echtheit der Zeichen niemals bestätigt hatte, sondern im Gegenteil, Harris vor Betrug warnte.

7 William Edwin Barret, Seine Kirche wiederhergestellt, S.32. B.H. Roberts, A Comprehensive History of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, Band 1,S.100

8 Sandra und Jerald Tanner, Mormonism - Shadow or Reality, S. 105

9 Stanley B. Kimball, Brigham Young University Studies, Frühling 1970, S.350

10 Charles A. Shook, Cumorah Revisited, 1910, S. 527, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality, von Jerald und Sandra Tanner, S. 106,

11 Stanley B. Kimball, Newsletter and Proceedings of the Society for Early Historic Archaeloogy, BYU, August 1971, S.4, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality, von Jerald und Sandra Tanner, S. 106