Domestizierte Tiere


Lamas in Bolivien

Das Buch Mormon erwähnt eine Reihe von Tieren, die in der Neuen Welt unbekannt waren. Lesen wir dazu einige Auszüge:

„ Und es begab sich: Als wir durch die Wildnis zogen, sahen wir, dass es in dem verheißenen Land Tiere jeder Gattung in den Wäldern gab: Kühe und Rinder, Esel und Pferde. Ziegen und Wildziegen und allerart wilde Tiere, die dem Menschen nützlich sind. " 1

Diese Aussage von Nephi wurde direkt nach der Ankunft in der Neuen Welt gemacht, was bedeutet, dass die Tiere alle schon vorhanden waren. Doch zunächst weiter:

„ Und es begab sich: Das Volk Nephi bebaute das Land und zog allerart Getreide und Früchte und Mengen von Vieh und allerart Herden von Rindern jeder Gattung und Ziegen und Wildziegen und auch viele Pferde. " 2

Dies betrifft eine Zeit um 420 v. Chr..

„ Und es begab sich: Im siebzehnten Jahr, gegen Ende des Jahres, war der Aufruf des Lachoneus überall im Land vorbereitet worden, und sie hatten ihre Pferde und ihre Wagen und ihre Haustiere und alle ihre Schafe und ihre Rinder ....." 3

Dies betrifft eine Zeit um 17 n. Chr..

Auch die Jarediten hatten solche Tiere und mehr:

„ ... und allerart Rinder und Ochsen und Kühe und Schafe und Schweine und Ziegen und viele andere Arten von Tieren, die für die Nahrung des Menschen nützlich waren. Und sie hatten auch Pferde und Esel und es gab Elefanten und Kureloms und Kumoms.... " 4

Dies betrifft eine Zeit ab ca. 1800 v. Chr.

Sehen wir uns zunächst die Tiere der Neuen Welt nach archäologischen Gesichtspunkten im Vergleich an und gehen dann auf den oft erwähnten Erklärungsversuch seitens der Kirchenmitglieder ein. Beginnen wir am Ende der Eiszeit (Pleistozän), also etwa in einer Zeit zwischen 8000 - 10000 v. Chr.:

„ Für die ersten Früheinwanderer war der amerikanische Kontinent allem Anschein nach ein Jagdparadies. Große Herden pflanzenfressender Säugetiere durchzogen im ausgehenden Pleistozän das Land - in Nordamerika waren dies Pferde, Mammuts, Mastedons, Riesenbisons und verschiedene Kamelarten und dazu gesellten sich gefährlichere Spezies wie der Blutwolf und das Riesenfaultier. Diese bemerkenswerte Fauna sollte mit der Ankunft der Menschen und dem Rückzug der Gletscher aussterben. " 5

Durch die Großwildjagd starben etliche Spezies, darunter das Pferd und das Mammut aus. Man spricht hier vom Aussterben der pleistozänen Megafauna. Daraus ergibt sich, dass weder das Pferd, noch der Elefant zu Zeiten der Jarediten oder Nephiten auf dem Kontinent befunden haben kann. Folgen wir dieser Spur.

Bei der Ankunft der Spanier eröffnete sich für die Azteken unter Montezuma ein neues, unerwartetes Bild:

„ Seitdem Cortez in Mexiko gelandet war, hatte für Montezuma ein langer Alptraum begonnen, der ihn mit abergläubischer Furcht erfüllte. Boten waren von der Küste gekommen und hatten ihm die Fremden beschrieben; seine Künstler zeichneten Bilder von ihnen und ihren Pferden, die viel größer waren, als alle in Mexiko jemals gesehenen Tiere. " 6

Halten wir fest, dass das Pferd größer war, als alle Tiere, die die Azteken je in Mexiko gesehen hatten. Auch die hochentwickelten Maya kannten keine Pferde, auch wenn deren Straßennetze recht ausgeprägt waren:

„ Trotz ihres ausgebauten und ausgedehnten Straßennetzes kennen sie weder den Wagen als Transportmittel, noch das Pferd als Zugtier. " 7

Die Landwirtschaft erschwerte sich durch das fehlen geeigneter Nutz- und Lasttiere:

„ Der geringe Viehbestand der Indianer stand einer Verbesserung ihrer landwirtschaftlichen Methoden im Weg. In Europa wurden Haustiere seit Alters her sozusagen als landwirtschaftliche Maschinen benutzt. Die grasenden Rinder, Schafe und Ziegen lebten von derben, für den Menschen ungenießbaren Pflanzen und lieferten dafür noch die wertvollsten Nahrungsmittel wie Fleisch und Milch. Die kräftigen Tiere zogen den Pflug und machten es den Bauern möglich, viel mehr Land zu bebauen, als sie mit eigener Muskelkraft hätten bestellen können. In manchen Gebieten Amerikas gab es diese 'Maschinen' gar nicht, in anderen gab es noch zu wenige, so dass die landwirtschaftliche Entwicklung dieser Völker sehr behindert war. In Mittelamerika war es damit noch schlechter bestellt als in Peru; die einzigen Haustiere, die man hier kannte, waren kleine Hunde, Truthähne, Enten und Bienen... Keines dieser Tiere konnte einen Pflug ziehen... In Peru gab es bessere Haustiere als in Mittelamerika; auch sie waren zwar nicht stark genug, um bei der Landwirtschaft zu helfen, aber sie hatten dafür bedeutende Vorteile. Die kleinen höckerlosen Guanakos aus den Anden, die Kamelen ähnelten, wurden schon im Jahre 1500 v. Chr. gezähmt und durch geschickte Zucht zu den nützlichen Lamas und Alpakas entwickelt. " 8

Statt dem bekannten Vieh der Alten Welt hatten die Ureinwohner Amerikas, wenn überhaupt, Lamas und Alpakas.

Aus Südamerika lernen wir:

„ Die Zahl der domestizierten Tierarten war gering. In Celubras fand man Reste von Meerschweinchen aus der Zeit vor 1800 v. Chr., und im Hochland züchtete man etwa zur gleichen Zeit Lamas und Alpakas. " 9

Dies entspricht also etwa der Zeit der Jarediten, die bereits Elefanten, Pferde, Schweine, Ochsen, Rinder usw. kannten.

„ Die Anzahl und Artenvielfalt der domestizierten Pflanzen in Südamerika überstieg die der Tiere bei weitem. Die einzigen Nutztiere waren Lamas. Alpakas, Meerschweinchen, Enten und Hunde. " 10

Stellen wir zunächst einmal fest: All die im Buch Mormon erwähnten domestizierten (gezüchteten) Tiere gab es in der Neuen Welt nicht. Das Pferd, wie auch das Mammut, starben lange vorher aus. Das Pferd wurde erst wieder mit den Spaniern eingeführt. Rinder, Kühe, Ochsen, Schweine, Ziegen, Schafe und Esel waren unbekannt. Die einzigen Haustiere waren Lamas, Alpakas, Hunde, Truthähne, Enten und Bienen.

Apologeten der Kirche verweisen bei diesem Thema immer wieder auf den möglichen Sachverhalt, dass die Jarediten und Nephiten Tiere sahen, die sie nicht kannten und denen sie dann bekannte Namen gaben. So schreibt Sorenson beispielsweise:

„ Die Tiere, die im Buch Mormon genannt sind, stellen ein komplexes Problem dar. Zum einen beziehen sich die als Pferd, Rind, Ziege usw. übersetzten Bezeichnungen nicht unbedingt auf die Arten, an die wir dabei denken. Die Gepflogenheiten von Neusiedlern in aller Welt bei der Benennung von Tieren sollten, was solche Vereinfachung betrifft, eine Warnung sein. " 11

Auch wenn es richtig ist, dass solche Vorgänge immer wieder in verschiedenen Völkern stattgefunden haben und dies auch plausibel scheint so sollte man doch prüfen, ob diese sich auf das Buch Mormon anwenden lassen.

Zunächst einmal wäre interessant zu erfahren, mit welchem Tier die Jarediten ab 1800 v. Chr. den Elefanten verglichen haben, dessen Vorgänger längst ausgestorben war. Wie schon erwähnt, wurden zu dieser Zeit Lamas und Alpakas gezüchtet und die Azteken waren später über die Größe des Pferdes erstaunt, denn sie hatten in ganz Mexiko kein Tier gesehen, das so groß war. Da es in ganz Amerika kein vergleichbares Tier an Größe und Volumen gab, wie den Elefanten, kann man wohl kaum annehmen, dass die Jarediten Lamas als Elefanten bezeichneten. Die Sorenson Theorie ist hier also nicht anwendbar.


Szene aus dem Buch Mormon
Gab es wirklich Pferde in der Neuen Welt?

Gehen wir näher auf das Pferd ein. Nehmen wir einmal an, die Nephiten hätten das Lama oder einen Hirsch als Pferd bezeichnet. Würde dies mit den Aussagen aus dem Buch Mormon konform gehen? In Alma 18 erfahren wir, dass Ammon Pferde und Streitwagen für König Lamoni bereitmachte. Im Klartext, er spannte die Pferde vor einen Streitwagen, damit König Lamoni damit fahren könne. Mehrfach werden im Buch Mormon Pferde in Zusammenhang mit Streitwagen erwähnt. Davon abgesehen, dass es in ganz Amerika keine Wagen gab, wird das Pferd in seiner Handhabung genau wie in der Alten Welt behandelt. Man könnte damit leben, dass die Nephiten Lamas o.ä. als Pferde bezeichneten. Dass diese aber als Zugtiere vor Streitwagen, als Reittiere ( Lamas konnten nur ungefähr 100 Pfund tragen ) und zur Fortbewegung genutzt wurden, ist absurd und archäologisch in keinster Weise plausibel. Auch hier kann Sorensons Theorie nicht angewendet werden.

Weiter stellt sich die Frage, warum die Tiere im Buch Mormon so explizit benannt werden, ja so selbstverständlich. Bei einem so klaren Text wäre doch zu erwarten, dass die Nephiten und Jarediten wenigstens bei manchen Tieren, die sie nicht kannten, so etwas wie: „sieht aus wie ein" oder „ähnelt dem... darum nannten wir es..." erwähnt hätten. Und warum werden Tiere, wie Hirsch, Jaguar, Affe, Truthahn, Faultier usw., nicht erwähnt?

Wenn wir die Erwähnung der domestizierten Tiere im Buch Mormon im Kontext lesen, so bleibt wenig Halt für die genannten Erklärungsversuche. Auch einige Mormonengelehrte sind zu diesem Schluss gekommen. So auch der frühere BYU Anthropologie Professor Dr. Raymond T. Matheny:

„ So wie in Alma [18:10; 20:6,8],wie sie wissen, benutzt er [Ammon] hier einen Stall und bereitet die Pferde für König Lamoni vor und genauso die Streitwagen des Königs, denn sie wollen eine Reise von einer Stadt zur anderen unternehmen über die königlichen Straßen. Auch werden die Pferde hier geweidet. Somit gibt es einen Kontext innerhalb des Buches Mormon selbst. Es scheint mir, dass dies nicht einfach nur Ersatz ist, denn die Schreiber des Buches Mormon liefern hier den Kontext. Diese beschreiben nicht einfach nur eine Art Hirsch oder Ähnliches. Dies ist ein ziemlich schwaches Argument, das Vorhandensein dieser Namen im Buch Mormon zu erklären. " 12

Fußnoten

1 Buch Mormon, 1. Nephi 18:25

2 Buch Mormon, Enos 21

3 Buch Mormon, 3. Nephi 3:22

4 Buch Mormon, Ether 9:18,19

5 Michael D. Coe, Weltatlas der Alten Kulturen, Amerika vor Kolumbus, 1993, S.29

6 Zeitalter der Menschheit, Altes Amerika, S.141 . TIME-LIFE International

7 Welt Geschichte, Von der Urzeit bis zur Gegenwart, S.369. Karl Müller Verlag.

8 Zeitalter der Menschheit, Altes Amerika, S.120 . TIME-LIFE International

9 Michael D. Coe, Weltatlas der Alten Kulturen, Amerika vor Kolumbus, 1993, S.178

10 Michael D. Coe, Weltatlas der Alten Kulturen, Amerika vor Kolumbus, 1993, S.155

11 John L. Sorenson, Eine Entdeckungsreise ins Buch Mormon, Teil 3

12 Prof. T. Matheny, am 25. August 1984 auf der Sunstone Konferenz in Salt Lake City, zitiert in The Scientific Search for Nephite Remains   Siehe hier