Das Problem der Sichtweise

Wie bereits gesehen, haben Mitglieder in Zusammenhang mit den Vorgängen aus dem Buch Mormon oft etwas fragwürdige Ansichten. Wie kommt es nun zu solchen Auffassungen?
Man muss dazu wissen, dass für die meisten Mitglieder die Geschichte Amerikas die Geschichte des Buches Mormon ist. Ich habe nur sehr wenige kennen gelernt, die sich außer mit dem Buch Mormon auch noch mit Fachliteratur beschäftigt haben, um über die Kulturvölker Amerikas etwas zu lernen. Allenfalls dienten glaubensstärkende Berichte der Kirche auf Video oder den Kirchenzeitschriften als zusätzliche Informationsquelle. So ist die Neue Welt für die meisten ein weitgehend unerforschtes Urwaldgebiet mit Ruinen und ehemaligen Völkern, die seltsame Namen tragen. Dies trifft nicht auf alle zu aber auf die meisten. Auch die Missionare, die den Menschen Zeugnis über das Buch Mormon ablegen, wissen in der Regel nur sehr wenig über die Ureinwohner dieses Landes. Eine Art „Black Box" also. Kein Wunder also, dass das Buch Mormon meist zur einzigen Realität wird, kann man doch auf fast nichts anderes zurückgreifen. Bei aufkommenden Fragen zum Buch Mormon hört man oftmals, dass man genaue Aussagen über die Begebenheiten doch gar nicht machen könne und die Archäologie doch noch nicht sehr weit fortgeschritten sei, vieles noch entdeckt werden würde, usw. Hinzu kommen glaubensstärkende Berichte von Kirchengelehrten, die allzu gerne aufgenommen werden.

Der aufmerksame Leser und Betrachter der amerikanischen Kulturgeschichte wird jedoch sehr bald erhebliche Diskrepanzen zwischen den wissenschaftlichen und den Buch-Mormon-Berichten feststellen. Er wird ein Gefühl dafür entwickeln, welche Menschen seit wann und wie in der Neuen Welt gelebt haben und erhält ein komplett anderes Bild. ( Manche eifrige HLT-Forscher aber auch nicht. Aber mit diesen haben wir uns ja beschäftigt. ) Diese Problematik findet sich auch in Zusammenhang mit der Bibel wieder, wie wir am Beispiel des Tempelbaus erörtert haben. Zu viele Mitglieder lesen die biblischen und mormonischen Berichte zu oberflächlich. Man liest und nimmt an, ohne zu hinterfragen. Es mangelt am Aufbau eines realitätsbezogenen Einblicks, der dann schuld an Sichtweisen ist, die für andere Menschen absurd erscheinen. Besser Belesene wiederum tendieren zu immer neuen Theorien und Ideen, die oft nur schwer nachzuvollziehen sind. Es nützt dann auch nichts, über diese Punkte heftigst zu diskutieren. Man rennt hier gegen ein über Jahre geformtes Gedankengebäude an, dass nur schwer zu bewegen ist. Es bleibt ein mitleidsvolles Staunen und die Erkenntnis, dass hier Aufklärung notwendig ist.