Die Art und Weise der Übersetzung

Der Leser möge, um einen besseren Einblick zu erhalten, erst Joseph Smith als Schatzsucher auf dieser Site lesen.

Die offizielle Darstellung der Kirche, in Bezug auf die Übersetzungsarbeit, wird schon den Kindern in der Primarvereinigung gelehrt und ist jedem Mitglied bekannt. Verglichen aber mit den Aussagen einiger Zeitzeugen, vor allem denen, die bei der Übersetzung als Schreiber dienten, weisen diese etliche Widersprüche auf. Zunächst die Darstellung der Kirche, wie wir sie z.B. in Seine Kirche Wiederhergestellt finden:

„Auf was für eine Weise wurde dann die Übersetzung zustande gebracht? Der Prophet verwies immer wieder darauf, dass er dabei göttliche Hilfe gehabt habe. Diese empfing er für diese Arbeit durch ein Instrument, das er 'Urim und Tummim' nannte. ...Die genaue Methode, wie das seltsame Gerät angewendet wurde, ist nicht bekannt....Dem Auge des Propheten wurden die Schriftzeichen klar, und er begann sie in seinem Geist auszustudieren; sobald er sicher war, dass der gefasste Gedanke richtig war, teilte er ihn mit seinen eigenen Worten und in seiner eigenen Ausdrucksweise dem Schreiber mit. Er war dabei vom Schreiber durch einen Vorhang getrennt..."1

Daniel H. Ludlow, ein Professor für Religion an der BYU, schreibt:

„Joseph Smith gab der Welt nicht viel Information über den eigentlichen Übersetzungsprozess und dass es, laut seiner Aussage, in der Tat nicht notwendig für ihn gewesen sei, darüber zu berichten."2

Joseph Smith berichtete auf Anfragen selbst:

„Ich erhielt sie [die Platten] und mit diesen den Urim und Thummim, durch welchen ich die Platten übersetzt habe und so entstand das Buch Mormon." 3

Der Urim und Thummim, wie beschrieben, soll aus zwei Steinen bestanden haben, die in einer Brustplatte getragen wurden. Beides befand sich nach Aussage des Propheten bei den Platten und wurde später an den Engel zurückgegeben. Wie bereits erwähnt, besaß Joseph Smith jedoch noch einen weiteren Stein, der schlicht Seherstein genannt und vom Propheten früher gefunden wurde. Der Urim und Thummim und der Seherstein wurden fälschlicherweise oft als ein und dasselbe angesehen. Der Seherstein ist heute, laut Aussage von Joseph F. Smith, im Besitz der Kirche:

„Es wurde die Behauptung gemacht, dass der Urim und Thummim auf dem Altar des Manti Tempel lag, während dieses Gebäude geweiht wurde. Dieser so genannte Urim und Thummim war jedoch der Seherstein, der im Besitz des Propheten Joseph Smith war. Dieser Seherstein ist jetzt im Besitz der Kirche. " 4

In den offiziellen Darstellungen der Kirche wird ausgesagt, dass Joseph Smith immer an einem Tisch saß und die Platten intensivst studierte und mit diesen immer in direktem Blickkontakt stand. Gemäß den Aussagen von Zeitzeugen, darunter auch die drei Zeugen des Buches Mormon und Joseph Smiths Frau Emma, lief der Vorgang jedoch anders ab. Alle berichten davon, dass Joseph einen magischen Seherstein in einen Hut warf, darin sein Gesicht vergrub und dann mit der Übersetzung begann. Mehrere Zeugen erwähnen, dass die Platten dabei oftmals gar nicht anwesend waren. Dieses Thema wurde in den letzten 30 Jahren in diversen Artikeln behandelt5 und es scheint, als ob sich die Kirche von diesen Darstellungen distanzieren möchte.

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  Offizielle Version Tatsächlicher Vorgang

 

Emma Smith, die Frau des Propheten, war die erste Schreiberin. Folgendes berichtete sie einst ihrem Sohn Joseph Smith III:

„Als ich für eueren Vater schrieb, schrieb ich oft Tag für Tag. Oft saß ich am Tisch nahe bei ihm. Er saß, sein Gesicht in seinem Hut begraben, indem der Stein lag, und diktierte Stunde um Stunde und nichts war zwischen uns."6

David Whitmer, einer der drei Zeugen des BM, in dessen Haus der größte Teil der Übersetzungsarbeit geleistet wurde sagte aus:

„Ich möchte euch nun eine Beschreibung der Art und Weise der Übersetzung des Buches Mormon geben. Joseph Smith legte den Seherstein in einen Hut und vergrub sein Gesicht darin, so dass kein Licht mehr hinein kam. Und im Dunkeln schien das geistige Licht. Etwas ähnliches wie Pergament erschien und auf diesem die Schrift, ein Zeichen nach dem anderen und darunter die englische Interpretation. Bruder Joseph las das Englische in Gegenwart von Oliver Cowdery, der sein hauptsächlicher Schreiber war. Und wenn es geschrieben war und für den Propheten wiederholt wurde, um zu sehen, ob es korrekt war, verschwand es wieder und ein neues Zeichen mit der Interpretation erschien. So wurde das Buch Mormon mit der Gabe und Macht Gottes übersetzt und nicht durch irgendeine menschliche Kraft." 7
Ich und alle von meines Vaters Familie, Smiths Frau, Oliver Cowdery und Martin Harris waren anwesend während der Übersetzung....Er [Joseph Smith] benutzte keine Platten während der Übersetzung." 8

Martin Harris, auch einer der drei Zeugen des BM, erzählte Edward Stevenson, der später im ersten Rat der Siebziger diente folgendes:

„Martin Harris erzählte von einem Ereignis, welches sich zu der Zeit begab, als er den Teil des Buches Mormon schrieb, den er direkt vom Mund des Propheten Joseph Smith entnahm. Er sagte, dass der Prophet einen Seherstein besaß, mit dem er genauso wie mit dem Urim und Thummim übersetzen könnte und den er aus Annehmlichkeit dann auch benutzte. Martin schilderte die Übersetzung wie folgt:
Mit Hilfe des Sehersteines erschienen Sätze, die von Joseph gelesen und von Martin aufgeschrieben wurden und wenn diese beendet waren würde er sagen 'geschrieben' und wenn es korrekt geschrieben war, verschwand der Satz und ein anderer trat an die Stelle..."
9

Andere Zeugen, wie Isaac Hale, der Vater von Emma, berichteten:

Die Art in der er vorgab zu lesen und zu interpretieren war die selbe, die er nutze, wenn er für die Schatzsucher arbeitete, mit einem Stein in seinem Hut, der über sein Gesicht gestülpt war, während die Buch Mormon Platten zur selben Zeit im Wald versteckt waren." 10

Auch Kirchenautoren, wie Arch S. Reynolds, anerkennen diese Tatsache:

„Die Platten waren nicht immer vor Joseph während der Übersetzung. Seine Frau und seine Mutter berichten, dass die Platten in ein Tuch gewickelt auf dem Tisch lagen, während Joseph seine Augen in einem Hut versteckt, mit dem Seherstein oder dem Urim und Thummim übersetzte. David Whitmer, Martin Harris und auch andere berichteten, dass Joseph die Platten im Wald und anderen Orts versteckte, während er übersetzte. " 11

Ähnliche Berichte wurden von Michael Morse und Joseph Knight Sr. gegeben. Auch wenn es Berichte von Oliver Cowdery und Martin Harris gibt, die die offizielle Version der Übersetzung bestätigen, so bleibt nun die Frage offen, was man von all dem halten soll? Natürlich könnte es mehrere Formen der Übersetzung gegeben haben aber warum wird nur die erstere offiziell erwähnt und erscheint die letztere so unangenehm und dubios in Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Joseph Smith, bezüglich der Schatzsucherei? Da die Berichte von den verschiedensten, engen Zeitgenossen Joseph Smiths stammen, die fast alle im Übersetzungsprozess involviert waren, bleiben hier wichtige Frage offen. Außerdem, wenn der Seherstein im Besitz der Kirche ist, warum wird er dann der Öffentlichkeit nicht gezeigt oder warum wurde der Stein nicht zur Übersetzung der wiederentdeckten Abraham Papyri durch einen Seher der Kirche verwendet?

Letztendlich habe ich diese Seite einmal aufgeführt, um den Gesamtzusammenhang, der in der offiziellen Version nicht erscheint, darzustellen. Für die Kirche sind die Vorwürfe gegen den Propheten mit dem Seherstein oft nur Angriffe gegen seine Person, gedacht, um ihn zu misskreditieren. Die angeführten Sachlagen und Zeitzeugenberichte können jedoch nicht einfach als solches abgetan werden. Im Gegenteil, sie zeichnen ein äußerst fragwürdiges Bild des Propheten.


Fußnoten

1 William E. Berret, Seine Kirche Wiederhergestellt, S.34

2 Daniel H. Ludlow, A Companion to your Study of the Book of Mormon, S.27

3 Francis Kirkham, A New Witness for Christ in America, 1:71, zitiert in Fußnote 86

4 Bruce R. McConkie, Mormon Doctrine 1979, S.818f

5 Z.B. in James E. Lancaster, By the Gift and Power of God, Saints Herald 109:22, S.14-18, 22, 33 oder in F.A.R.M.S The Translation and Publication of the Book of Mormon. 1994

6 History of the RLDS Church, Band 8, Last Testimony of Sister Emma, 3:356

7 David Whitmer, An Adress to All Believers in Christ, Richmond Missouri, 1887, S.12

8 Aus einem Interview im Kansas City Journal, 5. Juni. 1881, wiedergegeben im RLDS Journal of History, Band 8, S.299-300

9 Edward Stevenson, One of the three Witnesses, abgedruckt in Deseret News, 30. Nov. 1881 im Millenial Star, 44 , S. 86-87

10 Aus einer beeidigten Erklärung von Isaac Hale, vom 20. März 1834. Zitiert in Rodger I. Anderson, Joseph Smith's New York Reputation Reexamined, S. 126-128

11 Arch S. Reynolds, How did Joseph Smith Translate?, 1952, S.21